The Warning
Brennende Luft, ungefiltert
Die drei superb talentierten Schwestern Villarreal aus Monterrey in Mexiko sind der spektakulärste junge Rock-Act des 21. Jahrhunderts. Sie beherrschen dank ihrer spielerischen Brillanz jede Art von Bühne. Ihre im Netz frei verfügbaren Konzerte sind eine pure Sensation.
Charismatische Nachfolger für die Legenden des Rock? Mit einem Händchen für brandneue Melodiewerke? Standen seit einer schieren Ewigkeit auf kaum einem Zettel mehr. Aber die Evolution hielt eine überraschende Wendung parat. Mit einer lebendigen Renaissance handgemachter Kompositionen. Vor Sprachkraft und lyrischer Tiefe strotzender Poesie. Und Starkstrom-Hymnen zum Niederknien.
The Warning sind das komplette Gegenteil von dem, was das Geschäft mit der Musik so oft billig und garstig erscheinen lässt. Jeder Aspekt in ihrer Karriere basiert auf Phantasie, Stil, Klasse, harter Arbeit und lebensklugen Entscheidungen. Resultat: künstlerische Freiheit in Reinkultur. Begleitet wird ihr Aufstieg von einer nachhaltig wachsenden Fan-Familie, die an die "Deadheads" erinnert, die Anhänger der kalifornischen Pioniere Grateful Dead.
Drei unbekümmerte Kinder
Ginge es nach dem Denkmuster von Entscheidern der Unterhaltungsindustrie, wären die drei Ladies aus der nordmexikanischen Metropole allerdings längst als Mainstream-Produkt zweckentfremdet worden.
Wir schreiben das Jahr 2014. Du hast drei Kinder im Alter von neun, zwölf und vierzehn Jahren, die Metallicas „Enter Sandman“ im hauseigenen Keller mit Verve zu spielen verstehen? Du hast das Stück für Oma und Opa ins Internet gestellt, weil das Datenpaket zu gross für eine E-Mail war, und wirst von 25 Millionen Abrufen überflutet, inklusive hochgereckter Daumen der kalifornischen Thrash-Metal-Giganten?
Die zweite Welle rollte unvermeidlich auf Luis und Monica Villarreal zu: Es meldeten sich jede Menge Menschen, die in diesen Rohdiamanten ein Geschäft witterten, um die Mädchen als rockige Drillingsvariante von Britney Spears zu vermarkten.
„Mein Vater hat sich diese Sklavenverträge angeschaut und gleich in den Papierkorb geworfen“, lacht Paulina Villarreal, Jahrgang 2002, multipel begabte Schlagzeugerin, Sängerin, Texterin und Chefdirigentin des Trios.
Das ideale Management
Luis Villarreal wusste genug über die Fallstricke des Musikbusiness und das vermeintlich schnelle Geld: Er ist gelernter Toningenieur. Ihm und seiner Frau war die natürliche, spielerische Entwicklung der Kinder wichtiger. Dazu gehörte von Beginn an ein Haus voller Musik, mit Klassik, Jazz, Blues und Rock jeglicher Färbung.
Auch die Wahl ihres Managements am 1. September 2016 hätte nicht treffender ausfallen können. Alejandra war elf Jahre alt, Daniela 16. Rudy Joffroy, Gründer einer Agentur für Videoformate und Graphic Art, in jungen Jahren Regieassist von James Cameron bei der Produktion von "Titanic", erlebte das Trio live im Probekeller des Elternhauses: "Mir blieb der Atem weg, und mir kamen die Tränen. Ich fand es ungerecht, dass ích das als Einziger zu sehen bekommen hatte. Von diesem Moment an wollte ich alles in meiner Macht stehende tun, um der Welt das Gleiche zugänglich zu machen."
Joffroy erwies sich nicht nur als Motor ideenreicher Clips, Bühnenbilder und Kampagnen, sondern auf allen Ebenen als umsichtiger Manager. The Warning erleben dank ihm einen ähnlichen Freiraum wie einst Led Zeppelin mit Peter Grant oder Iron Maiden mit Rod Smallwood. Ihnen bleiben die Behelligungen eines Geschäfts erspart, dessen Modell ausschliesslich auf Ausbeutung und Kontrolle beruht, wie es der ehemalige Artist & Repertoire-Verantwortliche John Niven in seiner erbarmungslosen Romansatire "Kill Your Friends" umschreibt.
Crowdfunding statt Industrie
Die ersten beiden Alben von The Warning wurden bewusst vorbei an derlei Mechanismen per Crowdfunding finanziert. Medienunternehmen, die von den früh gereiften Performances zu profitieren hofften, wie etwa Disney oder Nickelodeon, erhielten Absagen. Obwohl es von diversen TV-Stationen in Nord- und Lateinamerika ein halbes Dutzend Angebote gab, an Band-Wettbewerben teilzunehmen, verzichteten The Warning samt und sonders darauf. Ähnliches galt für Kontakte mit Labels. Erst als mit Lava Records aus New York 2020 eine Plattenfirma Interesse zeigte, die den Schwestern in kreativer Hinsicht freie Hand gewährte, waren sie bereit, einen Vertrag einzugehen.
Daniela Villarreal fasst die Familien-Philosophie zusammen: „Wir haben eigentlich immer einen Schritt nach dem anderen gemacht, statt uns mit einem grossen Sprung zu überschätzen.“
Kunst kommt von Können
„Glück beruht auf zwei Komponenten“, schreibt New Yorks Hardrock-Ikone Dee Snyder in seiner Autobiografie „Shut Up and Give Me the Mic“: „Du musst erstens exzellent vorbereitet sein, damit du zweitens deine Chance ergreifen kannst, sobald sie sich bietet.“
Daniela, Paulina und Alejandra hätten kaum besser vorbereitet sein können. Die beiden Älteren hatten sich im Vorschulalter in einem Ferienlager für das Klavierspiel begeistert. Letztlich begannen alle drei fundiert auf dem Piano, bevor sie sich anderen Instrumenten zuwandten.
„Wir müssen es unseren Eltern hoch anrechnen, dass sie uns immer wieder zum Üben angehalten haben“, sagt Daniela, Jahrgang 2000, die ebenso wie Alejandra, Jahrgang 2004, auch Saxophon spielt. „Es gibt für Kinder ständig unfassbar viele Dinge zu entdecken und sich neuem zuzuwenden. Erst diese Disziplin hat uns in die Lage versetzt, unsere Kreativität frei auszuleben. Wir haben unsere Musik anfangs nur für uns geschrieben. Aufmerksamkeit auf Youtube war uns völlig egal. Wir haben ja nicht einmal begriffen, was das bedeutet.“
Live ist live
Die gelebte Freiheit inspirierte bislang rund 60 stilistische Einzelstücke, melodisch durch die Bank ausgefeilte Songs mit lyrischem Biss. Ihr musikalisches Spektrum umarmt sämtliche Facetten des intensiven Genres, bis hin zu funkensprühenden Hammerschlägen der Moderne. Ihre leidenschaftliche Spielfreude verzückt die Besucher ihrer Konzerte, ihr technisch brillantes Zusammenspiel, gekrönt von harmonisch ideal verschmelzenden Stimmen, verblüfft die Fachwelt. Die bei vielen Bands live üblichen digitalen Korrekturprogramme nutzen The Warning nachweislich nirgendwo. Sie liefern das, wonach Rock'n'Roll verlangt: brennende Luft, ungefiltert.
Brutal ehrlich
Zahllose Acts unserer Zeit arbeiten getrennt voneinander, schicken sich gegenseitig Klangpakete zu und puzzeln die Fragmente zu Songs zusammen. Der Prozess bei The Warning ist organischer Natur, wie zu Zeiten des kreativen Urknalls der Rock-Ära: Sie spielen Jam-Sessions und arbeiten jedes Detail gemeinsam in einem Raum aus. Entsprechend songdienlich und schnörkellos sind ihre Stücke strukturiert. ganz nach der Myles-Davis-Philosophie: Wichtig sind nicht die Noten, die du spielst, sondern die Noten, die du nicht spielst. „Wir sind brutal ehrlich untereinander“, sagt Alejandra, die Jüngste. „Was nicht passt, fliegt raus.“
Die drei Schwestern haben sich schon als Kinder und Jugendliche die Bühne durch etliche Gigs erobert und somit ähnlich umfassend Routine erspielt wie die Pioniere der analogen Jahrzehnte, als ständiges Touring und eine Vielzahl von Studiojobs für das tägliche Brot sorgten.
Am 22. August 2025 wurde das erste offizielle Livealbum von The Warning auf Vinyl und CD veröffentlicht, aufgenommen in Mexiko Citys Kulturtempel Auditorio Nacional, der an drei Tagen in Folge mit 10.000 Fans ausverkauft war. Parallel erlebte ein abendfüllender Konzertfilm in 185 US-amerikanischen Kinos seine Premiere. Der Soundtrack ist online ebenso in Top-Qualität abzurufen wie die 2022 und 2023 in der mexikanischen Hauptstadt entstandenen Dokumente, die jedem Vergleich mit gerühmten Konzertmitschnitten der Rockgeschichte gewachsen sind.
Selbst Metallica wissen längst, wo die Glocken läuten. Die 2021 von The Warning arrangierte „Enter Sandman“-Version ist gleichzeitig respektvolle Interpretation und künstlerische Neuerfindung.
Rock ist umgezogen
Gene Simmons, Bassist der Glam-Rock-Pioniere Kiss, bedauert seit langer Zeit das Schicksal heutiger Bands, die oft kaum ihren Lebensunterhalt als Musikhandwerker bestreiten können, verglichen mit den goldenen 1970ern und 1980ern. „Rock ist tot“ wurde 2014 aus dem Zusammenhang eines Interviews im „Esquire“ gerissen und bescherte Simmons eine ganze Serie ungemütlicher Kommentare. Die Antwort des dritten Jahrtausends liefert ein Mantra der Warning-Fangemeinde: „Rock ist nicht tot. Er ist nur nach Mexiko umgezogen ...“
„Ich bin nicht in Gefahr. Ich bin die Gefahr.“
Paulina Villarreal sagt man nach, sie habe die Gottesgabe, wie der Teufel zu spielen. Ihr Leitstern ist der Meister aller Schlagzeug-Klassen: Neil Peart von Rush. Mit 21 wurde sie von gleich zwei amerikanischen Fachmagazinen zum „Drummer of the Year“ gekürt. Professionellen Beobachtern bleibt regelmässig die Luft weg: Paulina meistert parallel zu ihren peitschenden Beats und treibenden Grooves leidenschaftliche, akzentuierte Leadvocals. Das macht sie zum Gold-Standard in ihrer eigenen Liga. Im Alter von 13 und 14 Jahren komponierte sie federführend die beiden ersten Longplayer von The Warning, „XXI. Century Blood“ und das Konzeptalbum „Queen of the Murder Scene“.
Gitarristin Daniela ist dank ihres Charmes und ihrer Energie die geborene Frontfrau. Sie verkörpert jede Nuance der Songtexte, ihre komplexen Riffs stehen wie eine Wand. Als Sängerin mit raumgreifendem Spektrum sammelt sie Kritiken mit fünf Sternen.
Alejandra, deren fingerfertiges Spiel auf der fünfsaitigen elektrischen Bassgitarre in einer Kategorie mit zahlreichen Grössen ihres Instruments verortet wird, ist als ruhender Pol der Ausgleich zu den beiden temperamentvollen Schwestern. Sie orientierte sich schon im Alter von neun Jahren an den Notenfolgen von Jazz-Ikone Jaco Pastorius.
Idole werden zu Fans
In einem Terzett kann sich niemand verstecken. Der Respekt zahlreicher gestandener Musiker begleitet The Warning seit Jahren. Selbst ihre eigenen Idole sind längst zu ihren Fans geworden. Matt Bellamy von Muse bezeichnet sie „als das derzeit aufregendste Trio der Welt“. Geschätzt werden sie nicht zuletzt für ihre Fähigkeit, keine Sekunde an Spannungsabfall zuzulassen und jede Bühne mit vollkommener Autorität in Besitz zu nehmen.
Bei den MTV Video Awards 2023 wurden allen Acts im Rahmen der Aufzeichnung drei Versuche zugestanden, ihre Songs live einzuspielen. The Warning nagelten ihre beiden Nummern jeweils im ersten Versuch auf den Punkt. Nach der fulminanten Performance von „Evolve“ (Textzeile: „I’m not in danger – I am the danger!“) war das Mikrofon des Aufnahmeleiters offen, und so bekam halb Amerika den Satz mit: „Holy shit. Ich glaub ich werd zum Fan.“
Eine sanfte Armee rückt vor
Die beiden mit Ohrwürmern gespickten Alben "Error" (2022) und "Keep Me Fed" (2024) haben generationsübergreifend eine regelrechte Fan-Lawine in Bewegung gesetzt, darunter etliche Musikschaffende der Generation Woodstock. Was regional im mexikanischen Bundesstaat Nuevo León begann, zieht immer weitere Kreise. Die drei jungen Frauen werden von der weltweit stetig wachsenden Warning Army unterstützt. Vergleichbar ist dieser Grassroots-Support mit dem der Kiss Army Mitte der 1970er oder der Underground-Revolution rund um die jungen Iron Maiden zu Beginn der 1980er.
Das Gesamtpaket The Warning funktioniert auf jeder Ebene. Daniela, Paulina und Alejandra bewegen sich gewandt in ihrer Zweitsprache Englisch und mit umfassender Netzpräsenz, ohne sich jedoch im digitalen Dschungel zu verirren: „Wir haben von Anfang an darauf geachtet, nie etwas zu kommentieren, was auf den Plattformen über uns geäussert wird“, hebt Daniela ein gemeinsames Prinzip hervor. Alejandra betont: „Ohne das Internet wäre all das nie passiert. Es kann ein zweischneidiges Schwert sein. Aber wenn man es sinnvoll nutzt, kann es deine Träume wahr machen."
Freude, Leben, Kultur
Ihre weltoffene Art geht weit über ihre vielseitigen musikalischen Interessen hinaus. Alejandra lernte 2024 vor der ersten Konzertreise nach Brasilien Portugiesisch, um dem Land näherzukommen. Und für ihren Abstecher nach Buenos Aires hatten die Drei ein Medley argentinischer Rocker eingeprobt. „Die meisten amerikanischen oder europäischen Bands, die hier spielen, bringen dasselbe Programm wie sonstwo auch“, kommentierte ein argentinischer Journalist. „The Warning geben dir das Gefühl, dass sie sich für dich, dein Leben und deine Kultur interessieren. Das schafft eine ganz andere Bindung.“
Das letzte Tabu des harten Rock
Bindung definiert auch das im Laufe Hunderter von Auftritten um die Band herum entstandene Team. Paulinas Texte legen nahe: Grenzerfahrungen, Trauer, Verlust und die scharfe Beobachtung gesellschaftlicher Realitäten wie in "Sharks" oder "Consume" gehören dazu. Ihre Zeilen spiegeln die Brüche unserer Zeit und strotzen gleichzeitig vor positiver Sprachkraft.
Für praktisch jeden Musiker der Rockgeschichte waren Alkohol und Drogen mehr oder weniger intensive Begleiter durch dunkle oder exzessive Momente. Der künstlerische Höhenflug der drei Chicas geht ohne chemische Muntermacher auf. Ein Tabubruch der besonderen Art.